Spielstraße oder Rennstrecke?

Ein Versuch der Ursachenforschung

Ein Teilstück der Westerwaldstraße ist eine Spielstraße.  Die Ausschilderung ist unmissverständlich. Trotzdem beträgt die gemessene Durchschnittsgeschwindigkeit hier etwas über 30 Stundenkilometer. Manche fahren erheblich schneller – so schnell, dass eine Laterne praktisch abgerissen wurde.

In diesem Bereich befinden sich eine Grundschule, ein Kindergarten, ein Familienzentrum, die Stadtteilbibliothek und das Klubhaus.

Das Problem ist seit Jahren bekannt. Der Quartiersrat rief aus diesem Grund zu einer öffentlichen Veranstaltung ins Klubhaus, um ein wenig Ursachenforschung zu betreiben und mögliche Lösungswege aufzuzeigen. Gäste waren u.a. die Stadträte Bewig (Bauen, Planen und Gesundheit) und Machulik (Bürgerdienste, Ordnung und Jugend), die Schulleiterin der Siegerlandgrundschule Frau Schweigert, das Quartiersmanagement-Team, Herr Fiedler von der Polizei, zuständig für Verkehrssicherheit und Stadtgeschichten e.V., die mit Kindern ein Filmprojekt zum Thema Spielstraße durchführten.

 

Warum ist die Straßenführung so wie sie ist?

Eine abschließende Erklärung für die Gestaltung mit Borsteinkanten ließ sich nicht finden. Vor der Umgestaltung des Westerwaldplatzes war die Straße als 30er Zone geplant. Dazu gehören dann natürlich auch Bordsteinkanten. Möglicherweise sollten auch die unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse abgebildet werden.

Der S-förmige Verlauf wird von den Fahrzeugführern und von Fußgängern als Straßenverlauf wahrgenommen. Dies zeigt sich im Verhalten, wenn Autos auch mal bei spielenden Kindern stoppen, um abzuwarten, ob diese freiwillig aufhören oder zur Seite gehen. Dabei könnten sie problemlos rechts oder links daran vorbeifahren. Die „Bordsteinkante wirkt virtuelle als Grenze oder sie wissen ganz einfach nicht, was erlaubt wäre.

 

Verhalten in der Spielstraße – einem verkehrsberuhigten Bereich:

  • Fußgänger dürfen die Straße in ihrer ganzen Breite benutzen
  • Spielen ist überall erlaubt.
  • Es gibt keine Bordsteinkante, keine Fahrbahn.
  • Es gilt auch kein Rechtsfahrgebot.
  • Fahrzeuge müssen Schrittgeschwindigkeit einhalten. Schrittgeschwindigkeit bedeutet 5 bis 7 km/h – nicht mehr! Die Tachonadel dürfte sich also bei den meisten Fahrzeugen nicht bewegen.
  • Die Fahrzeugführer dürfen die Fußgänger weder gefährden noch behindern; wenn nötig müssen sie warten.
  • Die Fußgänger dürfen den Fahrverkehr nicht unnötig behindern.
  • Das Parken ist außerhalb der dafür gekennzeichneten Flächen unzulässig, ausgenommen zum Ein- oder Aussteigen, zum Be- oder Entladen.
  • Beim Ausfahren aus einem verkehrsberuhigten Bereich ist man wie beim Ausfahren aus einem Grundstück gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmern wartepflichtig. Rechts-vor-Links gilt nicht.

 

Mögliche Strafen:

Wer innerhalb einer geschlossenen Ortschaft mehr als 31 km/h zu schnell ist, muss seinen Führerschein für mindestens einen Monat abgeben. Wer innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal mit einer Überschreitung der Geschwindigkeit von 26 km/h oder mehr geblitzt wird, muss seinen Führerschein unter Umständen einen Monat lang abgeben und gilt laut Bußgeldkatalog als Wiederholungstäter.

 

Überzeugungsarbeit oder Strafe?

Wie ist das Problem in den Griff zu bekommen? Hier gingen die Vorstellungen weit auseinander.

Ist es vorstellbar, den Verkehr an dieser Stelle auszusperren? Von beiden Seiten her würde die Westerwaldstraße zur Sackgasse werden. Wegen der Schulde und des Kindergartens müsste aber in der Folge mit stärkerem Wendeverkehr gerechnet werden. Das Problem der verkehrsgefährdenden Helikoptereltern ist auch anderswo in Berlin ein großes Problem. Lassen sich diese Eltern erziehen? Die Erfahrungen zeugen vom Gegenteil. Selbst Polizisten müssen sich üble Beleidigungen anhören, wenn sie in solchen Fällen auf Fehlverhalten hinweisen. Kinder, die dieses Verhalten ihrer Eltern erleben, werden solch ein rücksichtsloses Verhalten möglicherweise übernehmen.

Viele Diskussionsteilnehmer wünschten sich eine intensive Informations- und Überzeugungsarbeit, mussten sich aber zumeist eingestehen, dass dies wahrscheinlich kaum Erfolg haben würde. Die Kinder selbst von einem positiven Verhalten zu überzeugen, damit diese auf die eigenen Eltern einwirken kann durchaus zum Erfolg führen. Der Weg ist langwierig und ungewiss.

Aus dem Publikum kam die Frage, ob es hier zu einer gehäuften Anzahl von Unfällen käme. Diese Frage wurde verneint und gleichzeitig als möglicher Grund angeführt, warum es bisher keine Maßnahmen gab, den regelmäßigen Verkehrsverstößen Herr zu werden. Ein Polizist könne hier nicht tagtäglich Geschwindigkeitskontrollen durchführen. Dafür fehle einfach das Personal.

Die Zählungen von Stadtgeschichten brachten einen möglichen Grund zu Tage, warum es hier zu keinen nennenswerten Unfällen kommt. Im Regelfall warten die Fußgänger am „Bordstein“, um den Autofahrern Vorfahrt zu gewähren. Sie selbst nutzen den „Bürgersteig“ und folgen dem S-förmigen Straßenverlauf, obwohl sie sich problemlos im gesamten Bereich bewegen dürften. Autofahrer nehmen die gewährte Vorfahrt gerne wahr – ein Teufelskreis. Der Platz muss folglich auch erkennbar als Spielstraße genutzt werden. Das können nur die Anwohner selbst tun.

Beim nächsten Unfall wird dann möglicherweise keine Straßenlaterne zerstört, sondern es kommt ein Mensch zu Schaden. Letztendlich, so die ernüchternde Erkenntnis, müssen es die Autofahrer über den Geldbeutel lernen, wie sie sich in einer Spielstraße zu verhalten haben. Das scheint der einzig funktionierende Weg zu sein. Dafür bräuchte es aber Personal…